Die Künstlerin und ihr Werk

Annette Zappe - Zur Künstlerin

Annette Zappe lebt und arbeitet in Kempten. Sie hat an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe studiert und ist zudem ausgebildete Kirchenmalermeisterin.

„Zwischen hier und dort“ oder „Kein Wasser in Sicht“ sind zwei Titel ihrer Skulpturen. Damit reiht sie sich ein in eine Folge von Ausstellungen in Heilsbronn, die immer wieder unser Menschsein betrachten, hinterfragen und zum Nachdenken anregen.

In ihren kleinformatigen, filigran gestalteten Bronzeskulpturen geht es der Künstlerin nicht um die „Figur an sich“. Vielmehr verbindet sie ihre zarten Figuren oft mit Elementen aus Holz, Bronze oder auch mit Alltagsgegenständen, um aufmerksam zu machen auf das, was dazwischen liegt. Ausdrucksstark weckt sie Assoziationen zu manch Vertrautem, zu eigenen biographischen Erfahrungen und rührt an unsere  existenziellen Lebensfragen. 

Mehr: www.annettezappe.de

Assoziationen

bewegt - beflügelt - bewahrt

Drei Worte, die wir als Titel für die Ausstellung mit Arbeiten von Annette Zappe gewählt haben.   Drei Worte, die sich unter den sich so rasant veränderten Bedingungen und Zeitumständen aktuell entwickeln.

Es sind Wörter oder Begriffe, die zu verschiedenen Bereichen des Schaffens von Annette Zappe passen.

bewegt

Figure descending a Staircase (Ausschnitt)  |  Bronze, Eichenholz  |  59 x 61 x 15 cm
Figure descending a Staircase (Ausschnitt)

Fließende Figuren, die in die Welt schreiten. Filigran ausgearbeitet und damit auch dem kleinsten Detail eine Bedeutung verschaffend, begegnen Menschen, die alleine oder in Gruppen ausschreiten. Im Gegensatz zu den kleinsten Details der Darstellung machen sie große Schritte, schreiten fast mutig in die Zukunft, gehen scheinbar ihren weiteren Weg, begeben sich auf eine andere Seite. Das oft sehr weit anmutende Gewand unterstützt diesen Eindruck. Beim Betrachten kann schnell der Eindruck entstehen, dass hier Frauen unterwegs sind. Das muss nicht so sein, denn das Gewand bestätigt diese Zuordnung nicht in erster Linie. Das immer wieder sakral anmutende des Ausdrucks solcher Arbeiten lässt die Frage offen. Hier bewegen sich wohl Frauen und Männer. Damit gewinnt die Ausarbeitung aber auch schon etwas Geheimnisvolles. Fragen werden geweckt. Bewegung erschließt Räume und schafft durch die räumlich ausladenden Gewänder neue Fragen und Assoziationen. Verbergendes und Verborgenes kann zur Sprache kommen. Im Münster in Heilsbronn gibt es auf etlichen Darstellungen Schutzmantelmadonnen. Unwillkürlich tauchen diese Bilder bei der Betrachtung der Arbeiten von Annette Zappe auch jetzt auf. Nicht zwangsläufig, aber  im Zwiegespräch, mit jenen mittelalterlichen Arbeiten im Münster, dann eben doch.

Bewegung scheint immer auch mit dem Wunsch nach Geborgenheit, nach einem Sich-Bergen-können, verbunden zu sein. Egal woher und oder wohin wir uns bewegen, wir brauchen oftmals ein Ziel, Geborgenheit, Zusammenhalt, Gründe, Sehnsüchte, Sinn.

Staunend machen mich diese Arbeiten nachdenklich. Wenn das Sein ein Augenblick wird und wir gemeinsam herausfinden müssen –  jede und jeder für sich alleine natürlich auch – wie es nach diesem Augenblick sein soll. Was trägt unsere Bewegungen? Was gibt in der Bewegung Halt? Welchen Ballast schleppen wir mit? Wovon können wir uns befreien? Was macht Lebensqualität im Vorwärtsschreiten aus? Wie wertvoll  ist  daher diese Kunst und eine Zeit des Innehaltens!

beflügelt

Flügel für die Seele (Ausschnitt)  |  Bronze  |  26 x 24 x 6 cm
Flügel für die Seele (Ausschnitt)

Gleich vorneweg, mir fallen nicht Engel ein, wenn ich Annette Zappes Skulpturen mit Flügeln sehe. Auf einer Reise in der DDR habe ich einmal in einem Schaufenster den Begriff „Jahresendflügelpuppe“ gesehen. Natürlich will ich so nicht um den Begriff Engel herumeiern. Ich brauche ihn im ersten Moment zunächst einmal nicht.

Damit bleibe ich  hoffentlich ganz bei der Künstlerin. Das tänzerische, das Leichte, das was wir in unseren Leben als beflügelt bezeichnen. Wer kennt sie nicht, die Phasen des Lebens, wo einem scheinbar alles leicht von der Hand geht? Wo wir uns fühlen, als würden wir schweben. Jetzt wo wir ausgebremst sind, wo Kräfte uns vielleicht eher am Boden halten. In Zeiten wo besonders unsere Geduld gefordert ist. Wo wir gerade einmal nicht so einfach mehr abheben können, weil alles mit Flügeln am Boden haftet.

Gerade jetzt finde ich die Arbeiten Zappes mutig. Sie erinnert und lässt uns ausblicken. Sie gibt uns einen Moment der Leichtigkeit zurück, auf den wir hoffen können. Manchmal will sie uns offensichtlich sagen, dass es doch auf die Bodenhaftung ankommt, selbst wenn die Arbeiten uns zum Abheben ermutigen. Das alles hat mit uns zu tun, wenn wir jetzt unsere Zukunft bedenken und überlegen wovon sie geprägt sein soll.

… und von mir aus sind dann auch Engel mit im Spiel J.

bewahrt

Mutter und Kind |  Bronze  |  Höhe: 29 cm
Mutter und Kind

Vielleicht zählt dieser Teil des Ausstellungstitels zu den Begriffen, die Sie sich gerade häufig durch den Kopf gehen lassen. In den Arbeiten zu „Mutter und Kind“ denke ich an diesen Begriff am Stärksten. Die Einladung zu einer detaillierten Betrachtung macht die Nähe der dargestellten Beziehung deutlich. Als Vater fühle ich mich nicht ausgeschlossen. Aber natürlich ersetzt die Symbiose des vorgeburtlichen Lebens und damit die enge Beziehung von Mutter und Kind erst einmal nichts. Sie kann anhaltend, positiv prägend für ein langes Leben sein. Und doch scheint die Künstlerin auch an die Zeit des Loslassens zu denken und drückt dies aus. Kämpft vielleicht auch damit? Wieder sind es ausholende, befreiende Bewegungen einzelner Figuren. Arme öffnen sich weit, als wollten sie sich dem entgegenrecken, was da auf sie zukommt. Das scheint möglich zu sein, selbst wenn die vorher beschriebene symbiotisch wirkende Darstellung sich erst ganz filigran aufzubauen scheint. Nicht untypisch für Zappes Arbeiten entdecken wir aber auch, dass wir nicht alleine unterwegs sind, sondern in Verbindung mit anderen. Das ist nötiger denn je. Diese tragende Gewissheit gilt auch jetzt und digital.

Assoziationen zu feinen Arbeiten von Annette Zappe. Natürlich geprägt von meiner aktuellen Gegenwart. Ich schaffe mir und für mich als Betrachter die Skulpturen der Künstlerin neu. Das darf ich, das soll ich und dazu will ich Sie im Dialog mit meinen Assoziationen auch anregen. Und wenn Sie sich einfach Ihre eigenen Gedanken machen wollen, freue ich mich darüber und wünsche bei dieser Form der Präsentation ebenso Vergnügen und Inspiration.

Gerhard Spangler, 30.3.2020